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*Dr. Lindenmeyer*

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Interview mit Dr. Johannes Lindenmeyer
"Ich habe mein Herz an die Trinker verloren"
    


Dr. Lindenmeyer ist Psychologe und seit 1996 Direktor der salus klinik Lindow für Psychosomatik und Sucht. 2001 hat er das Buch 'Lieber schlau als blau' geschrieben.


April 2014

Eve Lebensfreude: Ein bereits hoher Alkoholkonsum wird in Deutschland in der Regel als 'noch normal' eingestuft. Warum ist das so problematisch?


Die Alkoholabhängigkeit ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Eine weitaus größere Zahl von Menschen hat einen schädlichen oder riskanten Alkoholkonsum. Dadurch kommt es vermehrt zu körperlichen Erkrankungen, Unfällen und sozialen Problemen wie verringerter Arbeitsleistung oder schwerwiegenden Partnerschaftskonflikten.

Je höher der durchschnittliche Alkoholkonsum in einem Staat ist, umso mehr alkoholbedingte Schäden treten auf. Etwa 40 000 Menschen sterben in Deutschland jährlich am Alkohol - und das sind mehrheitlich schädliche oder riskante Trinker - und nicht allesamt Alkoholiker.

Eve Lebensfreude: Woran kann man sich orientieren, wenn man mit seinem Alkoholkonsum auf der ‚sicheren Seite' sein möchte?

Ganz grob kann man sagen: Eine Frau sollte nicht häufiger als fünf Mal pro Woche maximal ein Glas trinken. Ein Mann sollte nicht häufiger als fünf Mal pro Woche maximal zwei Gläser trinken. Konkrete Hinweise findet man zum Beispiel bei den Leitlinien zum risikoarmen Konsum.

Eve Lebensfreude: Ist es möglich, täglich (z.B. Bier und Schnaps) zu trinken und dennoch kein Alkoholiker zu sein? Warum?

Ein täglicher Alkoholkonsum ist immer riskant. Dennoch ist es möglich, täglich zu trinken und keine Abhängigkeit zu haben. Das Risiko des täglichen Trinkens begründet sich durch die zwei Phasenwirkung des Konsums. Zunächst gibt es eine positive Hauptwirkung. Dann gibt es eine unangenehme Nachwirkung. Das Risiko eines täglichen Alkoholkonsums liegt nun darin, dass die negativen Nachwirkungen sich auftürmen können und es dadurch zu einer Toleranzsteigerung kommt bzw. sogar körperliche Entzugserscheinungen eintreten können. Ob es zu so einer Entwicklung kommt und, wenn ja, wie schnell, ist allerdings bei jedem Menschen unterschiedlich.

Eve Lebensfreude: An welchem Punkt gibt es bezogen auf "die Alkoholiker" die größten Missverständnisse?

Hier sind drei Vorurteile über Alkoholiker zu nennen:

Viele Menschen denken, nur Penner und Verlierer seien betroffen. Tatsächlich gibt es Alkoholabhängigkeit in allen sozialen Schichten. Beispielsweise stellen Führungskräfte eine Risikogruppe für Alkoholprobleme dar.

Man muss auch als Alkoholiker nicht betrunken sein oder torkelnd aus der Rolle fallen. Viele Betroffene sind wahre Meister in Unauffälligkeit.

Und schließlich kann man eine Alkoholabhängigkeit nicht an einer bestimmten Trinkmenge erkennen. Vielmehr gibt es ganz verschiedene Formen der Abhängigkeit wie zum Beispiel Spiegeltrinken, bei dem der Betroffene täglich eher unauffällig trinkt, um Entzugserscheinungen zu vermeiden, und periodisches Trinken, bei dem der Betroffene harte Trinkphasen hat und dann wieder eine Zeit lang gar nichts trinkt.

Eve Lebensfreude: Mit welchen Erwartungen und Befürchtungen kommen Menschen in die salus klinik Lindow?

Ganz generell ist der Schritt in eine Klinik zu gehen, oft mit einer innerlich empfundenen Demütigung verbunden "dass ich so etwas nötig habe". Gleichzeitig werden oft Unfreiheit und Bevormundung befürchtet. Deshalb kommt es darauf an, den Einstieg in die Klinikzeit so menschlich wie möglich zu gestalten. Der Betroffen muss immer fühlen: "Der Kopf bleibt oben."

Es ist wichtig, dass ein Betroffener sich frei und offen für Veränderungen fühlen kann. Eine Klinik muss deshalb insgesamt Würde und Sicherheit bieten. Mit dem Rücken an der Wand ändert sich niemand.

Irgendwann merkt der Klient dann: "Hier sind ja alle so" und auch "Ich bin nicht der einzige, der Dreck am Stecken hat".

Eve Lebensfreude: Ist es möglich, ein Beispiel für eine gelungene innere Entwicklung im Rahmen einer stationären Therapie zu geben?

Zunächst braucht ein Patienten Wissen. Er muss verstehen: Warum handelte ich so? und seinen eigenen Suchtverlauf nachvollziehen können. In der Regel war das ja eine schleichende Entwicklung, bei der man erst im Nachhinein sagen kann, welche Gewohnheiten und Einstellungen in Richtung 'Sucht' geführt haben.

Als nächstes geht es um die Frage, was muss ich ändern, um zufrieden abstinent zu leben? Da gilt es abzuwägen, was gebe ich auf, was bekomme ich dafür? Was passt zu mir, was passt nicht zu mir? Was passt in mein Umfeld, was passt nicht in mein Umfeld?

Und schließlich müssen alle neuen Einsichten und Verhaltensweisen durch ständige Wiederholung eingeübt und verstetigt werden. Das Suchtgedächtnis lässt sich nur mit Training und Übung überwinden - mit Einsicht und Willen ist es leider nicht getan. Das Neue muss automatisiert werden.

Also, in Kürze gibt es drei Punkte: (1) Sich auseinandersetzen - sich verstehen, (2) Änderungen durchführen - abstinent leben und (3) üben, üben, üben.

Eve Lebensfreude: Was ist für trockene Alkoholiker nach einer stationären Therapie besonders wichtig und hilfreich?

Das erste Jahr oder noch genauer, die ersten drei Monate nach einer Therapie sind sehr kritisch. Allen kann man für diese Zeit nur dringend empfehlen, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, dann dadurch erhöht sich deutlich die Erfolgsaussicht. Denn als Abstinenzler gehört man hierzulande leider zur Minderheit, da ist es gut, sich mit anderen zusammenzuschließen.

Nach einer Therapie geht es aber nicht nur darum, keinen Alkohol mehr zu trinken. Es geht vielmehr auch um die Fragen, was ist bei mir zu Bruch gegangen? Was muss ich in Ordnung bringen? Oder auch, mit welchen Schäden oder Folgen muss ich nun leben?

Insgesamt haben Suchtpatienten, die aus einer stationären Therapie kommen, in der Gesellschaft glücklicherweise seit einiger Zeit Rückenwind. Es wird hierzulande immer weniger getrunken, weil ganz allgemein die psychische Leistungsfähigkeit in unserer Gesellschaft an Bedeutung gewinnt. Das passt nicht zu übermäßigem Alkoholkonsum.

Eve Lebensfreude: Wie kann man seinen Alkoholkonsum selbstständig reduzieren?

Eine Möglichkeit, sich den eigenen Alkoholkonsum mal selbstständig anzusehen, kann die Plattform www.selbsthilfealkohol.de sein. Dort kann man einen Test zum eigenen Trinkverhalten machen und ein wöchentliches Ziel dazu eingeben, wie viel oder eben wie wenig man künftig trinken möchte.

Für 19,90 EUR kann man den eigenen Alkoholkonsum sechs Wochen lang verfolgen und auch schrittweise reduzieren. Man kann sich das Ziel setzen, die Menge insgesamt zu reduzieren oder auch in bestimmten Situationen nicht zu trinken - das Letztere wäre die so genannte Punkteabstinenz. Die Punkteabstinenz ist für viele Menschen einfacher in der Handhabung.

Für einen Alkoholabhängigen wird dieses Angebot allerdings in der Regel nicht ausreichend sein.

Eve Lebensfreude: Was kann Menschen unterstützen, die ihren eigenen Alkoholkonsum bereits ohne professionelle Hilfe selbstständig reduziert haben?

Das ist tatsächlich gar nicht so selten. In diesem Fall kann man nur empfehlen, dass der Betroffene verstärkt Kontakt zu Menschen sucht, die seinen positiv veränderten Umgang mit Alkohol gut heißen. Der Betroffene könnte sich auch in einem 'Vorher-Nachher-Vergleich' immer wieder die Vorteile seiner Veränderung vor Augen führen. Das allein ist schon belohnend.

Eve Lebensfreude: Was macht Ihnen Freude an der Arbeit im Umfeld 'Sucht'? Was hilft Ihnen?

Als ich vor über 30 Jahren mit dieser Arbeit begonnen habe, hatte ich die gleichen Vorurteile wie andere Menschen auch. Als ich in der Suchtklinik gelandet war, dachte ich nur: "Hier bleibe ich ein Jahr und dann bin ich weg." Ich war nicht gerade froh und stolz, dort zu arbeiten. Dann habe ich aber mehr und mehr gemerkt, dass sind nicht gerade die schlechtesten Menschen dort, da gibt es viele beeindruckende Menschen. Und diese Menschen haben echtes Leid - die jammern nicht bloß. Oft geht es bei unseren Klienten um Existenzen und Betriebe, da hängen auch Arbeitsplätze dran. Dort zu helfen, das ist wertvoll. Manchmal ist es auch sehr ergreifend: Da ist jemand zu Behandlungsbeginn vollkommen verbiestert und empört, dass er alle gegen sich hat; und ein bis zwei Jahre später ist das ein liebenswerter und selbstreflektierter Mensch geworden. Ich finde es bedauerlich, dass sich manchmal Psychotherapeuten in ihren Praxen lieber einfacheren Klienten zuwenden. Etwa 50% der Menschen, die zu uns kommen, kann man helfen - und das ist schon sehr viel bei einer chronischen Erkrankung dieser Schwere.

Manche der Klienten wollen es sich dann auch selbst beweisen: "Wenn ich nicht trinke, dann bin ich ein guter Mensch." Diese Menschen sehen die Verantwortung primär bei sich selbst und nicht bei anderen. Das finde ich sehr positiv und berührend.

Ich denke, ich kann sagen, ich habe mein Herz an die Trinker verloren.

Eve Lebensfreude: Herzlichen Dank für dieses Interview! Für mich war es sehr, sehr spannend. Alles Beste für Sie!





Mehr Informationen:

Zur Suchtklinik, die Dr. Johannes Lindenmeyer leitet: salus klinik Lindow

Zur Webseite zum Buch 'Lieber schlau als blau' von Dr. Lindenmeyer: hier

Buchkauf bei Amazon: Lieber schlau als blau: Entstehung und Behandlung von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Mit CD-ROM und Online-Materialien

Mehr über Dr. Johannes Lindenmeyer auf den Webseiten der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie e.V.: mehr zum Autor

Aufsatz von Dr. Johannes Lindenmeyer: "Kontrolliertes Trinken oder Punktabstinenz – neue Therapieziele bei Alkoholproblemen?" hier zum PDF auf fdr-online.info



Eve Lebensfreude sagt "großes Danke" für dieses freundliche Interview.





    
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